SAINT TROPEZ

Wir sind zurück aus dem Süden. Die letzten beiden Wochen verbrachten wir an der Côte d'Azur - in Port Grimaud genau genommen (Blog-Post folgt). Die zwei Wochen taten nicht nur der Sonne und Wärme wegen gut, sondern auch die Zeit, die wir mit Familie und Freunden verbringen durften. Auch wir hatten ein, zwei Regentage und beschlossen mit Kiddos und Kegel uns jolie Saint Tropez anzusehen. Ein Bild, das mir davon fest geblieben ist, möchte ich gerne mit dir teilen.

Wir schleckten unser Eis am Hafen. Bestaunten die schicken Yachten, beobachteten das Treiben, die Leute, welche die Welt der Reichen und Schönen mit Staunen oder Dabeisein teilten.

Da viel mir auf einer Yacht, die am Hafen stand, ein ältere Frau auf. Sie sass an Bord unübersehbar in einem weissen edlen Kostüm, trug einen Hut und eine schwarze grosse Sonnenbrille. Sie sass da und genoss es dazu sitzen und von all den Leuten am Hafen beobachtet, bestaunt und angesehen zu werden. Gleichzeitig schien es ihr unbehaglich zu sein, weil sie sich nervös die Sonnenbrille putzte, dennoch wich sie nicht von ihrer exponierten Stelle, wo jeder sie sehen konnte.


Das war nicht diese Yacht ;)...

Plötzlich durchfuhr mich ein Gefühl des Mitleids. Ich überlegte mir, was sie wohl für eine Kindheit gehabt hatte, und ob sie als Baby mit unzähligen Küssen ihrer Eltern bedeckt wurde, oder nicht.

Mir schien, als würde sie jeder einzelne mangelnde Kuss, den sie dazumal nicht bekam, mit den Blicken auf der Yacht im Hier und Jetzt kompensieren. Holte sie nach, was sie nie bekam? Ich weiss es nicht, ob es stimmt. Aber sie schien mir nicht gänzlich ruhig, zufrieden und glücklich. 

Was mich in letzter Zeit oft beschäftigt - vielleicht auch weil es wärmer ist, wir weniger und leichtere Kleidung tragen und so das Körperbewusstsein steigt - wir geben viel Geld für die äussere Schönheit aus. Von müden Augen bis hin zum pedikürtem Zehennagel gibt es für jedes Körperteil ein Mittelchen, alles noch besser und schöner aussehen zu lassen.

Doch wie viel ist es, was wir in unsere innere Schönheit investieren? Das Herz, die Seele und unsere Gedanken. Und wie und wo investieren wir nicht nur in uns, sondern in unser Gegenüber? Kürzlich sah ich auf Facebook eine Annonce, dass auf einer der wohl schönsten Zürcher Dachterrassen einen Apéro stattfindet mit einem Vortrag und Informationsanlass für Schönheitsoperationen.

Es schauderte mich. Sind wir wirklich schon soweit uns bei einem Cüpli weiss machen zu lassen, welchen Körperteil durch diverse Eingriffe besser für das äussere Erscheinungsbild sind und dabei Nüsschen und Apéro-Häppchen verschlingen und dabei zuhören, als ginge es um ein Kochrezept?! Wieso gibt es keine Inserate- und Plakatkampagnen, wo für die innere Schönheit geworben wird?

Während ich diese Gedanken hatte, beobachtete ich eine Gruppe von Männern, die den vorbeifahrenden Ferraris und Jaguars hinterher blickten und sich kennerisch untereinander austauschten. Es war alles was zählt und wer lediglich mit einem simplen Kombi vorbeizog, wurde nicht beachtet. Es machte mich nachdenklich, dieses Streben nach Anerkennung, das wohl aber in uns allen schlummert.

Wir liefen weiter durch das schöne Städtchen, bestaunten die pittoresken Hausfassaden und schönen Boutiquen. In einem Seitengässchen entdeckte ich eine Parfumboutique. Es duftete schon einige Meter vor dem Eingang blumig, süsslich und verführerisch. Vor der Boutique war ein Korb mit Seifen in einem schönen Verpackungsdesign.

Diese sprachen mich sofort an und ohne daran zu riechen, fand ich, dass solch eine Seife das perfekte Heimbringsel-Geschenk für mein Mami und Schwiegermami sei. An der Kasse hauchte mir die Verkäuferin mit einem spitzmündigen stark französischen Akzent die Frage: «Mädäm, yu woude laike tu have anysinge else?» Worauf ich antwortete: «Non, merci.» Sie erwiderte: «Yu arre verrry welcöme Mädäm.»

Sie trug mich auf Händen. Säuselte mir von all den Düften: «They arre oll made in France, we prodüce in Grasse.» Als ich ihr die Kreditkarte reichte und sie mir das Kästchen gab, um den Code einzugeben, kippte ich nahezu aus meinen Espadrilles, weil der Preis der beiden Seifen höher als von mir ausgerechnet war (ich sah lediglich den Preis für die munzig beiliegenden Seifchen). Egal, es war bereits schön verpackt und zusätzlich mit einer Wolke edelstem Duft einparfumiert und ich happy damit, ein schönes Geschenk für die Mamis nach Hause zu bringen und ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen.

Sie säuselte weiter und empfahl mir das Restaurant THE STRAND, oben in den Hügeln, von wo man garantiert einen amaazing Blick über den Port von Saint Tropez haben könne (und garantiert Kiddo untauglich ist ;). Ok, ich setze dieses Restaurant auf die Mäni-Dby-Bucket-Liste :).

Wir gingen weiter. Oh, mais oui, mais oui Saint Tropez ist wunderschön - mit kleinen Kiddos aber doch nicht ganz geeignete Stadt ;). Wie dem auch sei. Es hat mir gezeigt, dass es das Wichtigste im Leben ist, die Liebe zu andern und sich selbst zu haben, dass Familie und Freunde mit keiner Yacht der Welt ersetzt oder erkauft werden können, und dass es gilt, dass das was man hat zu schätzen und zu lieben weiss und diese Zufriedenheit geniessen kann.

Und es lehrte mich, dass alles was wir sehen, seinen Preis hat. Wir nicht wissen, was wirklich dahinter ist, wie es dazu gekommen ist, und ob es stimmt was wir sehen. Es ermutigt mich, zu sein wie man ist und nicht was man gerne wäre - nur das ist echt.



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